Buchreview: „When Genius Failed. The Rise and Fall of Long-Term Capital Management.“

Aktualisiert: Okt 21

„The question…is wether the LTCM disaster was merely a unique and isolated event, a bad drawing from nature’s urn; or wether such disasters are the inevitable consequence of the Black-Scholes formula itself and the illusion it may give that all market participants can hedge away all their risk at the same time“ – Merton H. Miller, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften (1990)


Mit zwei frisch gekürten Nobelpreisträgern an Bo(a)rd kann nichts schief gehen

Wenn die beiden Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften aus dem Jahre 1997, Myron S. Scholes und Robert C. Merton, gemeinsam als Partner zusammen mit den besten Praktikern aus der Finanzbranche in einem Hedgefonds arbeiten, dann kann doch nicht mehr viel schief gehen, oder? Ausgedrückt in den Worten von Robert C. Merton: „This small group…attempted to marry the best of finance theory with the best of finance practice.“

Zu Beginn sind die Erfolge von Long-Term Capital Management („LTCM“) beeindruckend: Der 1994 gegründete Hedgefonds erzielt hervorragende Renditen, wie die folgende Grafik zeigt.[1]




Der Hedgefonds lieferte in den ersten vier Jahren kontinuierlich eine Outperformance im Vergleich zur Marktrendite (hier exemplarisch der Dow Jones Industrial Average Index), um dann im Jahre 1998 krachend zu scheitern und in einer von der US-amerikanischen Zentralbank FED koordinierten Rettungsaktion von anderen Großbanken gerettet zu werden.


Hoher Leverage + Bond convergence stragey = Die Erfolgsformel von LTCM

Im Prinzip war das Hauptgeschäft von LTCM eine bond convergence strategy. Dabei war die grundlegende Annahme von LTCM, dass gewisse Anleihen relativ zueinander vom Markt falsch bepreist waren. LTCM spekulierte über Derivate dann darauf, dass die Preise von zueinander „fehlbewerteten“ Anleihen sich angleichen würden. Es wird also angenommen, dass der Preis der relativ überbewerteten Anleihe sinkt und der Preis der relativ unterbewerteten Anleihe steigt und die Preise sich somit angleichen. Ein Beispiel hierfür wären eine neu herausgegebene, 30jährige US-Staatsanleihen (relativ überbewertet) vs. einer 29,5-jährigen US-Staatsanleihe (relativ unterbewertet zur neuen, 30-jährigen US-Staatsanleihe).


Diese Strategie wurde prinzipiell auch von anderen Marktteilnehmern angewandt, nur LTCM konnte sich aufgrund seiner sehr hohen Reputation im Markt wesentlich besser finanzieren als die Konkurrenz. In den Worten eines LTCM Mitarbeiter: „We could finance better. LTCM was really a financing house.“ Und der hohe Leverage war bei der oben genannten bond convergence strategy auch wichtig, um überhaupt nennenswerte Gewinne erzielen zu können. Die besseren Finanzierungsbedingungen bei diversen Großbanken wurde intensiv genutzt, bis LTCM einen Verschuldungsgrad von 20 zu 1 zu Beginn des Jahres 1998 erreichte.

Diese Faktoren sowie als Katalysator die Russlandkrise 1998 führten dazu, dass LTCM in diesem Jahr scheiterte und von einem unter Führung der FED organisierten gemeinsamen Rettungsaktion von US-amerikanisch Großbanken gerettet werden musste – aus Angst, dass ein Unterlassen der Rettung von LTCM zu einem „systemic risk“ führen würde.


Der Autor erklärt statistisch relevante Hintergründe in verständlicher Art und Weise

Im Rahmen seines Buches geht der Autor Roger Lowenstein chronologisch die Entwicklung von LTCM durch und erzählt die Hintergründe der verschiedenen beteiligten Akteure sowie die Geschichte des Aufstiegs und des Falls von LTCM. Das Buch ist nur in englischer Sprache verfügbar, der Autor erklärt aber in einfacher Sprache auch statistisch relevante Hintergründe für den Laien. Ein Beispiel hierfür wäre, warum es für das Risk Management problematisch ist von normalverteilten Renditen an Finanzmärkten auszugehen – dadurch wird nämlich die Wahrscheinlichkeit von extrem hohen Verlusten unterschätzt.

Wer sich für das Thema interessiert, aber nicht das ganze Buch lesen möchte, kann ich den zusammenfassenden und gut geschriebenen Artikel „Too Interconnected to Fail?“ von Stephen Slivinski empfehlen.[2]



Dieser Text wurde von Alexander Rathje verfasst. [1] In der Grafik sieht man die Preisentwicklung von 1000€, die man am 01.03.1994 in Long-Term Capital Management (LTCM), den Dow Jones Industrial Average Index (DJIA) oder in US-Staatsanleihen investiert hätte. Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/Long-Term_Capital_Management#/media/File:LTCM.png.

[2] Der Artikel ist zu finden unter: https://www.richmondfed.org/-/media/richmondfedorg/publications/research/econ_focus/2009/summer/pdf/economic_history.pdf.