Amazon: eCommerce, Cloud, Supermärkte, Streaming - der Alleskönner

Aktualisiert: Jan 8

Wenn ich nur eine Aktie haben dürfte, wäre es wohl die Amazon-Aktie. Jeff Bezos hat das Unternehmen 1994 als Online-Buchhandel gegründet. Mittlerweile ist Amazon ein facettenreicher, globaler Technologievorreiter mit einer Marktkapitalisierung von 920 Milliarden Euro und weltweit circa 800.000 Mitarbeitern. Bezos ist bis heute CEO und größter Aktionär mit etwa 13 % der ausstehenden Anteile.


Vorweg: Die Analysten der Großbanken sind - sagen wir - verhalten optimistisch, wie dieser Ausschnitt von der Seite Finanznachrichten zeigt. Normalerweise nicht unbedingt ein gutes Zeichen, da die Erwartungen an das Unternehmen dadurch bereits sehr hoch sind und kaum Spielraum für positive Überraschungen lässt. Dennoch ist Amazon eine der größten Positionen in meinem Depot. Warum das so ist, werde ich Euch in den folgenden Zeilen begründen.


Seinen - und damit Amazons - Erfolg macht Jeff Bezos im Wesentlichen an drei Dingen fest:


1) Der Kunde muss immer an erster Stelle stehen.

"If you're competitor-focused, you have to wait until there is a competitor doing something. Being customer-focused allows you to be pioneering."


2) Sei erfinderisch.

"If you double the number of experiments you do per year, you're going to double your inventiveness."


3) Denke langfristig und hab' Geduld.

"What we need to do is always lean into the future. When the world changes around you and when it changes against you, what used to be a tail wind is now a head wind. You have to lean into that and figure out what to do because complaining isn't a strategy."


Darüber hinaus hat Bezos ebenfalls den ikonischen Satz geprägt: "Your margin is my opportunity."


Aus unserer Sicht als Investoren ist es von erheblichem Vorteil, wenn der Chef des Unternehmens dieses selbst gegründet hat und einen Großteil der Anteile besitzt. Angestellte Manager, die oft von fremden Firmen kommen und kaum mit Eigenkapital beteiligt sind ("skin in the game"), sind leider viel zu häufig primär auf ihren eigenen Vorteil aus als den langfristigen, nachhaltigen Erfolg des Unternehmens. Gründer, die im hohen Maße mit ihrem eigenen Kapital beteiligt sind, haben hingegen eine enorm hohe Identifikation mit dem Unternehmen und werden im Regelfall alles daran setzen, dass ihre Firma langfristig und nachhaltig erfolgreich ist. Was natürlich auch uns als Aktionäre zu Gute kommt. Die Versuche, die Vergütung der angestellten Manager über erfolgsabhängige Komponenten ("Boni") an den langfristigen Unternehmenserfolg zu knüpfen, scheitern leider allzu häufig. Ein gängiges Kriterium hierfür ist beispielsweise das Ergebnis pro Aktie. Dabei ist der Unternehmenserfolg gar nicht unbedingt davon abhängig, immer ein hohes Ergebnis pro Aktie zu zielen. Über etliche Jahre hatte Amazon kein positives Ergebnis pro Aktie, welches dann hätte versteuert werden müssen. Stattdessen investierte Bezos fast den gesamten operativen Cashflow in neue Projekte, um Amazon "in the long run" erfolgreich zu machen. Die Fokussierung auf das Ergebnis pro Aktie hat hingegen dazu geführt, dass viele angestellte Manager im erheblichen Maße Aktienrückkäufe tätigen. Diese erhöhen zwar nicht das Gesamtergebnis, jedoch - durch die verringerte Anzahl an Aktien - das Ergebnis pro Aktie und damit den Bonus des Managers. Eine ähnliche Methode ist das Sale-and-Lease-back, bei dem Firmenimmobilien verkauft und dann langfristig zurückgeleased werden. Kurzfristig führt dies zu einer ordentlichen Ergebnissteigerung, langfristig bleibt ein gehöriger Fixkostenblock - die Miete. Sehr schön nachvollziehen kann man dies an Amazons Cashflow Statement.


Noch heute investiert Bezos einen Großteil des operativen Cashflows. Wie oben zu sehen in diesem Auszug aus den Quartalszahlen, hat Amazons Geschäftstätigkeit im Jahr 2019 satte 38,514 Milliarden US-Dollar Cash in die Kassen gespült. Doch als Nettoergebnis stehen lediglich 11,588 Milliarden US-Dollar zu Buche. Dies liegt vor allem daran, dass 16,861 Milliarden US-Dollar in Geschäftsimmobilien und Ausstattung investiert wurde. Hierhinter verbergen sich z.B. neue Fulfillment-Center und Airport Hubs, also Investitionen in den Ausbau von Amazons Logistiknetz, um den Kunden zukünftig mehr und mehr Next-Day oder sogar Same-Day-Deliveries anbieten zu können. Getreu Regel 1): Der Kunde an erster Stelle!


Bezos' Experimentier- und Investitionsfreude hat dazu geführt, dass Amazon heute weit mehr ist als eine einfache eCommerce-Plattform. Ein gigantisches Distributionsnetzwerk, Prime Video, Prime Reading, Amazon Music, der Hörbuchdienst Audible, die Filmdatenbank IMDb, das Live-Streaming-Portal für Gamer Twitch, die Home-Security Firma Ring, eigene kassenlose Supermärkte, die weltgrößte Biomarktkette Whole Foods, der Cloud-Dienstleister Amazon Web Services (AWS) und vieles mehr. Amazon ist zu einem wahren Konglomerat an fantastischen Unternehmen geworden. Getreu Regel 2): Sei erfinderisch. Die Umsatzentwicklung ("Top Line") der einzelnen Bereiche zeigt die folgende Statista-Grafik:



Auf den ersten Blick ist ersichtlich, dass alle Geschäftsbereiche stark wachsen. Lediglich im Bereich Physical Stores, also den Supermärkten, ist der Umsatz von 2018 zu 2019 nahezu unverändert geblieben. Inbesondere auf AWS möchte ich weiter eingehen. Während der Umsatz vergleichsweise gering ist, machte AWS in den letzten Quartalszahlen fast 67 % des gesamten Betriebsergebnisses von Amazon aus. Der Cloud-Markt wächst enorm und Amazon ist ideal positioniert, um davon zu profitieren.


Die Dominanz von Amazon auf dem Cloud-Markt ist so groß, dass sogar der Streaming-Konkurrent Netflix bei AWS hostet. Einziger nennenswerter Wettbewerber ist zurzeit Microsofts Cloud-Service Azure, der in letzter Zeit etwas aufschließen konnte. Dennoch bleibt AWS mit seiner breiten Dienstleistungspalette von Servern, Storage, Networking über Remote Computing, eMail, Mobile Development bis hin zu Security mit deutlichem Abstand Marktführer im Bereich der Cloud.


Zu guter Letzt möchte ich noch auf zwei Punkte eingehen, die mir bei allen meinen Investments wichtig sind - eine solide Bilanz und ein möglichst konjunkturunabhängiges Geschäft ("Allwetter-Unternehmen"). Die Unternehmen, in die ich investiere, sollen auch Rezessionen und Krisenjahre überstehen, ohne von Insolvenz bedroht zu sein. So viel vorweg: Bei Amazon müssen wir uns wenig Sorgen machen.


Amazon hat 36,092 Milliarden US-Dollar Cash und weitere 18,929 Milliarden US-Dollar marktfähige Wertpapiere wie Aktien, (Staats-)Anleihen etc in der Bilanz. Die langfristigen Schulden in Höhe von 23,414 Milliarden US-Dollar könnten damit locker auf einen Schlag zurückgezahlt werden.


Darüber hinaus scheint auch eine schwächere wirtschaftliche Situation Amazon nur im geringeren Ausmaß zu treffen. Besonders die Bereiche Subscriptions und AWS halte ich für wenig konjunkturabhängig. In der Finanzkrise 2008/09, als weder Subscriptions noch AWS eine signifikante Rolle gespielt haben, konnte Amazon den Umsatz sogar kontinuierlich steigern. Entsprechend wird Bezos auch in schlechteren Zeiten neben einer grundsoliden Bilanz auf einen stetigen Cashflow aus dem operativen Geschäft bauen können. Genau so stelle ich mir das vor!



Fazit

Unter klassischen Bewertungsansätzen erscheint die Amazon-Aktie teuer. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) liegt bei um die 80 und das Kurs-Umsatz-Verhältnis (KUV) bei etwas über 3. Qualität hat seinen Preis. Ich persönlich glaube jedoch, dass Amazon die Weichen für die Zukunft hervorragend stellt, weiter wachsen wird und sich dies auch im Aktienkurs widerspiegeln wird. Amazon ist daher eine der größten Positionen in meinem Portfolio. Die Entwicklung der letzten Jahre hat bereits viel Freude bereitet, wie im Chart unten erkenntlich ist. Die hellblaue Linie, zum Vergleich, zeigt die Entwicklung des S&P 500 Index (die 500 größten US-Unternehmen). Any further questions?




Dieser Artikel wurde von Jan Regenbogen verfasst.